PROJEKTE ZENTRAL-NEPAL

Sonntag, 22. Januar, 7.30 Uhr
Gespannt beobachte ich das fröhliche Treiben um den vollbepackten Bus im Hof des Tilganga Institutes of Ophthalmology in Kathmandu. Gut gelaunt, lachend und plaudernd treffen die Teilnehmer des Camps ein und ich werde bald herzlich in die Runde aufgenommen. Dr. Keepa, eine in China ausgebildete nepalesische Augenärztin, 3 Operationsschwestern, 2 Narkoseassistenten, Optiker, Technische Assistenten und – wie sich später herausstellt – eine ausgezeichnete Küchenmannschaft sind mit von der Partie.

Nach fast 7- stündiger Busfahrt, einer Reifenpanne mit integriertem Mittagessen und zwei Pausen, wo frisches Gemüse, Früchte und Wasser eingekauft werden, treffen wir auf dem Schulareal der Gemeinde Dibyanagar ein. Dort erwartet uns bereits Dr. Reeta, eine aus diesem Dorf stammende Ärztin, welche die Hauptleitung dieses Camps innehat. Sie hat in Russland studiert, arbeitet seit vielen Jahren im Tilganga in Kathmandu und ist überglücklich in ihrer Heimatregion ein Camp durchführen zu können. Dr. Matthew, ein amerikanischer Augenarzt, und sein Landsmann Ben, ein Medizinstudent, sind mit Dr. Reeta schon gestern nach Chitwan gereist, um ein paar Voruntersuchungen zu machen. Zudem haben sie auch die uns von der Gemeinde und der Schule zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten gereinigt.







Dr. Reeta, Dr. Matthew, Dr. Keepa

Unmittelbarbar nach Ankunft gehts ans Einrichten des Camps. Im kleinen Gemeindehäuschen wird der Operationstrakt vorbereitet. Die beiden Op-Tische werden zusammengeschraubt, Mikroskope montiert, Fenster abgedunkelt und nicht zuletzt muss auch der mitgebrachte Stromgenerator in Betrieb gesetzt werden. Abdecktücher, Schürzen und Operationsinstrumente werden sterilisiert, Linsen und Augentropfen bereitgestellt.

Im Nebenraum wird aus Kisten und Brettern ein Narkosebett für 3 Personen gebaut und Spritzen, sowie Narkosemittel ausgepackt. Währenddessen machen sich Fahrer und Küchenmannschaft dran, das Zeltlager aufzustellen. Jeder hat seinen Job und alles läuft wie am Schnürchen. Mich beeindruckt diese speditive, effiziente Aktion. Beim Eindunkeln ist es dann soweit – alles ist vorbereitet für morgen. Zufrieden setzen wir uns ans einladende Lagerfeuer, ein Glas Chai-Tee in der Hand und den Duft des Abendessens in der Nase.

Montag, 23. Januar
Nebel und eine feuchte Kälte von um die 5 Grad liegen über unserem Lager. Während wir uns mit einem warmen Frühstück stärken, nähern sich schon die ersten Patienten dem Feuer. Lange haben sie geduldig auf diesen Tag gewartet. Augenleiden oder Blindheit beeinträchtigen sie in der Verrichtung ihrer Alltagsarbeit und nun hoffen sie auf eine Besserung.

Auf dem Schulareal werden auf zwei Pulten die Anmeldeformulare bereitgemacht und bald schon strömen Patienten von allen Seiten herbei. Sie werden in Kolonnen organisiert. Innert 2 Tagen werden hier 1474 Patienten registriert. Ohne die tatkräftige Unterstützung von lokalen Helfern wäre dies für unser Team kaum machbar.

Nach der Anmeldung folgt draussen ein Sehtest und im leergeräumten Schulzimmer der Erstklässler eine Augenuntersuchung durch die Arztgehilfen. Hier werden die am Grauen Star erblindeten Patienten ermittelt und dann in ein weiteres Klassenzimmer geführt, wo ihr Auge ausgemessen wird. Von da begleitet man sie dann direkt vors Narkosezimmer. Dort sitzen sie gelassen am Boden und warten. Die beiden Ärzte, Dr. Reeta und Dr. Matthew operieren an
diesem Tag 82 Patienten.

Dienstag, 24. Januar
Rund 30 der operierten Patienten haben die Nacht in einem leeren Schulzimmer auf den vom Spital mitgebrachten Matten übernachtet. Frühmorgens sitzen sie bereits in dicke Decken gehüllt vor dem Schulhaus und warten auf die Nachkontrolle. Dies ist ein grosser Moment für uns alle! Nacheinander wird allen die Augenklappe entfernt und langsam öffnen sie ihre Augen. Was dann in einem Menschen vorgeht, der zuvor blind war, lässt sich kaum in Worte fassen. Freude und Dankbarkeit strahlen von ihren Gesichtern. 

Danach geht es mit Augenkontrollen und Operationen gleich weiter. Ich bin heute auch im Einsatz und darf im Operationssaal die Patientendaten und die Stärke der eingesetzten Linse elektronisch erfassen. Heute operiert Dr. Keepa anstelle von Dr. Matthew zusammen mit Dr. Reeta.
Trotz des emsigen Betriebs in Narkose- und Operationsraum – bei uns würde man vermutlich von Stress sprechen – bleibt das Team ruhig und konzentriert. Abends verlässt der 161. Patient dieses Augencamps den Operationssaal.

Mittwoch 25. Januar
Die Nachkontrolle der gestrigen Patienten steht an. Heute haben die Ärzte ein bisschen länger Zeit dafür.
Die ältere Frau, bei der beide Augen operiert wurden läuft jetzt allein zum Sehtest. Das 16-jährige Mädchen, das als Folge eines Unfalls als Kleinkind erblindete, strahlt uns an.

Hier verbeugende Gesten des Dankes, da ein herzlicher Händedruck. Ich freue mich mit all diesen Menschen und weiss, dass die Spender und Gönnerinnen der Stiftung Vision Tibet etwas Gutes getan haben.
Ein Streik wegen Benzinpreiserhöhungen verzögert unsere Abreise um einen Tag, sodass wir uns nach dem Zusammenpacken der medizinischen Ausrüstung noch einen halben Tag in unserm Camp ausruhen können. 

Chantal Bayard
Stiftungsratsmitglied

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